Aikido im alltäglichen Training

Entscheidend am Anfang ist: Fühle ich mich wohl nach den ersten Trainingsstunden? Gibt es im Training Momente der Freude? Wenn ja, lohnt es sich dabei zu bleiben!

Aikido wird in festgelegten Formen geübt, den Katas. Dies heißt, sowohl die Angriffsform als auch die Verteidigung sind bekannt. Der erste Schritt besteht darin, die äußere Form der Technik zu begreifen und ausführen zu lernen. So entsteht zwischen den beiden Übenden, dem Angegriffenen Tori und dem Angreifer Uke, ein sicherer Raum. Um die wesentlichen Angriffsformen, Haltegriffe und Würfe kennen zu lernen, braucht es in etwa ein Jahr Übung. In dieser Zeit werden auch die ersten vier Grundtechniken beherrscht, die man in der Prüfung zum 5. Kyu braucht. Aikido kann von jedem gelernt werden, der bereit ist, regelmäßig jede Woche zu trainieren. Bis zum Alter von dreißig Jahren lernt es sich sehr leicht. Danach braucht der Körper länger um sich auf die anspruchsvolle Koordination und das Rollen und Fallen einzulassen. Im normalen Training üben Frauen und Männer, Anfänger und Fortgeschrittene immer miteinander. Jeder greift in der Regel viermal an und führt dann viermal die Technik durch. Viele Aikidotechniken kommen vom Schwertkampf. Dies bedeutet, die ausgeführten Techniken werden ohne Reißen und Rupfen geübt, da die Energie immer nach außen geschickt wird. Hierdurch, so wie durch die klare Festlegung auf die gezeigte Angriffs und Verteidigungsform sind Verletzungen im Aikido sehr selten. Es gibt keine Wettkämpfe. Diese würden dem Gedanken des friedlichen Übens widersprechen, da Aikidotechniken extrem wirksam sind. Da es kein Wettkampfsport ist, gibt es - anders als im Judo - Arm und Handhebel, die wenn nicht sofort mitgegangen wird, die Gelenke verletzen können. Es gibt auch Hand und Fauststöße, die entsprechend ausgeführt sehr wirksam sind. In den Übungsformen des Trainings jedoch wird gelernt sich dem Partner optimal anzupassen, so dass nichts geschieht. Nach etwa ein bis zwei Jahren Training hat sich beim Übenden ein neues deutlich verbessertes Körpergefühl entwickelt. Er kann sicher Rollen und die Fallschule kann beginnen. Bis zum ersten Dan nach sechs bis acht Jahren werden alle vier Basishaltegriffe und fünf Basiswürfe in ihren Formen beherrscht, dazu noch einige Atemkraftwürfe, Hüftwürfe und Messerabwehr, genauso wie der Basisumgang mit dem Bo, dem Kampfstock.

Die sagenhafte Ki-Energie ist nichts Besonderes, jeder hat sie. Schon in den ersten Stunden kann sie von den Übenden erfahren werden. Es ist jedoch eine Aufgabe lebenslangen Übens, sie zur Entfaltung zu bringen.

Es geht um mehr als die Übungsformen und die Techniken; um das einzigartige Prinzip des Aikido: Den Angriff vollständig zu akzeptieren, die Angriffslinie frei zu geben, sich mit der Angriffsenergie in Einklang zubringen und diese dann zu übernehmen. Das Training erfolgt in einer festgelegten Rollenverteilung. Der eine Partner greift an, der andere führt die Technik aus. Der die Technik ausführende wird Tori genannt, der Angreifer Uke. Diese Rollen werden regelmäßig gewechselt.

Die Aufgabe des Uke ist, in der vorgegebenen Form klar anzugreifen. Er übt dabei eine umfassende Aufmerksamkeit zu entwickeln und zu halten. Dabei gilt es zwei Grenzen zu erkunden und einzuhalten: nicht stärker anzugreifen, als der eigene Körper sich wohl empfinden kann, besonders im Moment des Bodenkontaktes. Dann gilt es den Angriff so vorzubringen, das sich der Tori bestens auf das Entwickeln seiner Technik einlassen kann. Die Rolle des Uke ist dabei im Wesentlichen eine Dienende und Gebende, weniger eine belehrende.

Die Entwicklung der Technik des Toris geschieht auf verschiedenen Ebenen, die sich durchdringen. Auf der körperlichen Ebene gilt es, zuerst die gezeigte Technik zu erkennen und sich die Schrittfolge und Handbewegungen anzueignen. So entwickelt sich aus stetem Üben der Aufmerksamkeit und Koordination die Form. Eine gute Form gibt einen sicheren Raum zum Üben. Jetzt kann bewusste innere und äußere Haltung entwickelt werden, um sich ganz dem `Flow’ der Bewegung hinzugeben. Im besten Fall erreicht der Übende die Aufmerksamkeit eines Schwertkämpfers im Kampf auf Leben und Tod; ganz im Jetzt, frei von jeder Anhaftung. Nach Meister Ueshiba ist dies der einzige Grund in einer Zeit der Massenvernichtungswaffen, in der es keinem mehr möglich ist Wahrheit, Ehre, Familie und Vaterland durch eine Kampfkunst zu verteidigen, Aikido zu lernen.

Über die Wirksamkeit bleibt zu sagen, eine Frau unter 50 kg wird sich nie mit einem 180 kg schweren Sumo-Ringer anlegen, jedoch gut mit ihm Aikido üben können. Jemand der nur vier oder fünf Jahre Aikido geübt hat wird keine Chance gegen ein höheren Karate Dan oder austrainierten Boxer haben. Andrerseits kann auch ein kampferprobter Judoka einen geübten Aikidoka kaum werfen, da er mit Handhebeln in der Regel nicht umgehen kann. Wie in den anderen traditionellen Kampfkünsten gilt besonders auch im Aikido: langes Üben hilft. So ist kaum einer mit Dreißig und 10 Jahren Erfahrung im Aikido in der Lage einem Aikidoka mit Fünfzig und zwanzig Jahren Erfahrung zu zeigen, "wo der Hammer hängt".

Aikido ist in keiner Weise eine Psychotherapie. Echter Fortschritt kann auf Dauer in seiner Tiefe nur erreicht werden, von dem, der sich im Training, in der Übung vergessen kann: Also all die Dramen des Alltags weniger wichtig nimmt, als die Entscheidung gutes Aikido zu erarbeiten. Aikido allein ist sicher auch kein spiritueller Weg.

Der Gründer, Meister Ueshiba, hat selbst sein Leben lang tiefe spirituelle Schulungen erfahren und umgesetzt. Er war vor der Gründung des Aikidos als Kampfsportmeister ungeschlagen. Nachdem die Atombombe es dem einzelnen unmöglich machte, seine Heimat und seine Überzeugung zu verteidigen, hat Meister Ueshiba allen Wettkampf aus dem von ihm gelehrten Kampfsport entfernt und so das Aikido in seiner jetzigen Form nach dem 2. Weltkrieg geformt. Meister Ueshiba hat schon den zweiten Weltkrieg abgelehnt und in der Zeit in Japan keinen Kampfsport gelehrt. Durch ihn sind viele geistige Prinzipien beim Üben des Aikidos zu entdecken und zu verwirklichen; für den, der dies sucht. So eröffnet sich die Möglichkeit den eigenen Schatten der Trägheit, Aggression, Ehrgeizes, der Ungeduld und des Stolzes zu begegnen und im Üben der Technik wenigstens für den Moment zu durchschreiten.

Ob Aikido etwas für dich ist, kannst Du dir nicht denken. Wenn Du zwei, drei Trainingseinheiten besucht hast, wird dein Körperbewusstsein Dir sagen können, ob es dir zusagt. Wer sich dann entscheidet, ein Jahr regelmäßig jede Woche mindestens ein bis zwei Mal zu trainieren, wird dann wissen, ob er etwas für sein Leben gefunden hat. Wer Aikido unterrichtet, braucht 12 bis 15 Jahre eigenes Üben um ein zufrieden stellendes Niveau vermitteln zu können; mehr als zwanzig Jahre eigenes Training gibt einige Sicherheit, einen guten Unterricht anbieten zu können. Hier sei erinnert, dass der erste Dan nur bedeutet: dieser Mensch kennt die Basistechniken. Meisterschaft wird ab dem 6. Dan angenommen. Dies haben durchaus auch schon einige Europäer im Aikido erreicht.